Privacy in Sozialen Medien – ein Widerspruch?

Gepostet von am Sep 6, 2011 in Blog, News, Talk | Kommentare deaktiviert

Privacy in Sozialen Medien – ein Widerspruch?

“You have zero privacy anyway – get over it”, so verlautbarte noch 1999 der  damalige CEO der Sun Microsystems, Scott McNealy. Seine Aussage darf wohl als eine der bekanntesten zur Frage des Datenschutzes im Internet betrachtet werden. Vielleicht aber auch als eine der falschesten?

Immer wieder geistern Schreckensmeldungen rund um die exzessive Bereitstellung persönlicher Daten durch unbedarfte Nutzer Sozialer Netzwerke durch die Medien. Oder auch solche zum böswilligen Datenklau durch gerissene Hacker. Und tatsächlich: Soziale Netzwerke dienen der Beziehungspflege. Sie setzen also unweigerlich die Veröffentlichung persönlicher Daten voraus. Wer auf die Mitteilung persönlicher Daten verzichtet, mag zwar seine Privatsphäre schützen, doch er wird auch für seine Freunde und Bekannte unauffindbar bleiben, und damit all jene Vorteile nicht geniessen können, die eben durchaus mit Social Networking verbunden sind.

Zahlreiche Studien zeigen, dass Menschen aus ihren Beziehungsnetzen Kapital schlagen können (“Sozialkapital”). Soziale Medien unterstützen diese Prozesse. Doch greift diese Argumentation zu kurz: viel wichtiger ist möglicherweise, dass der Mensch als soziales Tier schlicht ein dringendes Bedürfnis nach dem Austausch mit seinen Mitmenschen hat, also nach “Social Networking”.

Sicher, auch der Wunsch nach einem Schutz der Privatsphäre, nach Datenschutz und auch der Wunsch nach Sicherheit sind von hoher Dringlichkeit. Wenn aber maximaler Datenschutz und maximale Sicherheit in maximaler Isolation gipfeln, wird eines deutlich: Datenschutz ist kein absolutes Gut, sondern ein relatives. Jeder Internet-Nutzer und Social Networker muss sich also überlegen, welche persönlichen Daten er zur Verfügung stellen möchte, um im Tausch einen Nutzen oder Vorteil aus einer Online-Transaktion zu ziehen.

Im Rahmen einer Podiumsdiskussion anlässlich der SuisseEMEX hatte ich jüngst das Vergnügen, die Frage des Datenschutzes und der Privatspähre in Sozialen Medien unter anderem mit  Stephan Gross-Selbeck (CEO XING AG) und dem Eidgenössischen Datenschutzbeauftragten Hanspeter Thür zu diskutieren. Thür lobte dabei ausdrücklich die Firma XING für ihre transparenten Datenschutzbestimmungen und ihren Verzicht auf die Weitergabe von Nutzerdaten an dritte Parteien.

Dieser Feststellung kann insofern nur zugestimmt werden, als dass sie offenbar genau die Wünsche der Internet-Nutzer trifft. Die Studie “Sicherheit vs. Privatheit” des MCM Instituts in Zusammenarbeit mit ISPRAT e.V. untersuchte etwa, welche Faktoren das Nutzervertrauen im Internet fördern. Ein deutliches Ergebnis dabei lautete, dass Nutzer gerne darüber informiert werden möchten, was ein Transaktionspartner mit den zur Verfügung gestellten Daten anstellt. Im Idealfalle möchte er selbst über die Weitergabe an Dritte entscheiden. Auch hier ist der Ansatz des XING-Netzwerks durchaus interessant, nach dem bei jeder neuen Kontaktannahme der Zugriff auf die persönlichen Daten selektiv freigeschaltet werden muss. Ein souveräner und differenzierter Umgang mit persönlichen Daten ist also auch in Sozialen Medien durchaus möglich.

Podiumsteilnehmerin Karin Frick vom Gottlieb Duttweiler Institut wies im Rahmen der Podiumsdiskussion auf einen weiteren Aspekt hin: die grosse Bereitschaft, persönliche Daten im Netz zu teilen, könnte auf ihre Art durchaus selbst eine Art Datenschutz nach sich ziehen. Die schiere Masse verfügbarer Daten im Netz führt unweigerlich zu einer Informationsüberflutung, der Herr zu werden immer mehr eine Herausforderung wird. Einzelne Datenpunkte verschwinden also schlicht in der Masse denkbarer Informationen.

Der Schutz der Privatsphäre bleibt somit eine hoch aktuelle Herausforderung in den Sozialen Medien. Noch ist nicht überschauber, welche technischen Applikationen und welche sozialen Normen hier sinnvolle und gangbare Lösungen nach sich ziehen werden. Unternehmen steht jedenfalls schon jetzt eine Vielzahl von Möglichkeiten offen, das Vertrauen ihrer Kunden zu gewinnen und halten. Zunehmend wird es jedoch auch eine Kernkompetenz der Web 2.0-Nutzer werden – professioneller wie privater – angesichts der Demokratisierung der Informationserstellung und -verbreitung den Überblick über jene Daten und Informationen zu behalten, die wirklich sinn- und wertvoll sind. -CH

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